Eisernes Buch der Gemeinde Lobberich

Kriegsfürsorge für die Familien der Einberufenen.


Die Fürsorge christlicher Nächstenliebe erstreckte sich in Lobberich auch auf die Zurückgebliebenen der Einberufenen. Gemeinde und Bürger nahmen sich ihrer an.

In vorbildlicher Weise gaben die beiden Firmen de Ball und Niedieck der Bürgerschaft ein leuchtendes Beispiel. Sie zahlten nämlich den Angehörigen ihrer eingezogenen Angestellten das volle Gehalt weiter. Damit war für's Erste manche Not behoben.

Die alsbald einsetzende Preistreiberei in Lebensmitteln suchte die Firma Niedieck & Co. durch größeren Einkauf von Lebensmitteln zu bekämpfen; sie gab diese teilweise weit unter Einkaufspreis an die Familien ihrer einberufenen Angestellten und Arbeiter ab.

Nach dem Gesetz vom 28. Februar 1888 hatten die Familien der eingezogenen Mannschaften der Reserve, Landwehr, Ersatzreserve, Seewehr und des Landsturms Anspruch auf Unterstützungen. Die Wohltaten dieses Gesetzes wurden in Lobberich weitgehendst in Anspruch genommen. Der Gemeinderat wählte zum Zwecke besonderer Fürsorgemaßnahmen dür die Familien der Einberufenen eine Kommission bestehend aus den Herren Geheimrat van der Upwich, Carl Niedieck, Reinhard Boetzkes, Konrad Seeger, Andreas Peuten, Gerhard Heythausen, Emil Pötter, Ambrosius Frank, Heinrich Stiels, Arthur van der Beek, Paul Peters und Heinrich Stroetges. Dieser Kommission lag es op, dafür zu sorgen, daß die staatliche Familienunterstützung und die von der Gemeinde bewilligten Zuschüsse zu dieser Unterstützung in der richtigen Weise verteilt wurden. Bezüglich der Zuschüsse hatte der Gemeinderat beschlossen, den Ehefrauen 20%, bis zu 3 Kindern je 10%, für die weiteren Kinder je 5% des ortsüblichen Tagelohnes als Zuschuß zu der staatlichen Unterstützung zu zahlen. Diese Zuschüsse erhöhten sich im Laufe der Kriegsjahre entsprechend der eingetretenen Geldentwertung.

Über 300 Ehefrauen bezogen in Lobberich Familienunterstützung.

Besonders rühmlich zeichnete sich der Lobbericher Kriegerverein in der Fürsorge für die Frauen und Kinder seiner einberufenen Mitglieder aus, wozu ihm aus der Stiftung des verstorbenen Herrn Kommerzienrats Julius Niedieck 5000 Mark zur Verfügung standen. Durch weitere Stiftungen und zwar von Herrn Anton van der Upwich 2000 Mark, Herrn Geheimrat van der Upwich 1000 Mark, Herrn Carl Niedieck 1000 Mark, standen dem Kriegerverein nunmehr 9000 Mark für Unterstützungszwecke zur Verfügung. Durch Vorstandsbeschluß wurden den Frauen der einberufenen Mitglieder 3 Mark und für jedes Kind 1 Mark wöchentlich an Unterstützung gezahlt.

Auch der Turnverein und der Sassenfelder Musikverein ließen es sich nicht nehmen, die Familienangehörigen der zur Fahne einberufenen Mitglieder zu unterstützen.

Die St. Sebastianusbruderschaft gab den Familien ihrer im Felde stehenden Mitglieder eine Beihülfe von 200 Mark.

Die Firma Johannes Girmes in Oedt, die auch Arbeiter aus Lobberich beschäftigte, gab bekannt, daß die Zinsen des vom Herrn Kommerzienrat Johannes Girmes im Jahre 1904 gestifteten Kapitals, die 20 000 Mark jährlich betrugen, zur Unterstützung der Frauen und Kinder der ausziehenden Angestellten und Arbeiter der Firma verwendet würden. Manche Not wurde hierdurch in Lobbericher Familien gelindert.

Die Vorstände der christlichen Gewerkschaften, denen die meisten Lobbericher Arbeiter angehörten, beschlossen, vom Vermögensbestande mehrere Millionen Mark zur Unterstützung der durch den Krieg Geschädigten zur Verfügung zu stellen. Auch der deutsche Werkmeisterverband, Sitz Düsseldorf, stellte zur Linderung der ersten Not

2 000 000 Mark zur Verfügung. Diese edle Tat hat auch in Lobberich ihre Wirkung nicht verfehlt.

Die Gemeinde ließ im Oktober 1914, um den Mangel an Speisekartoffeln abzustellen, von auswärts eine Anzahl Waggons Kartoffeln kommen und verkaufte diese zum Selbstkostenpreis an die Familien der Einberufenen.

Herr Geheimrat van der Upwich richtete in dem Speisesaal der Firma de Ball zur gleichen zeit eine Suppenküche ein, in der täglich eine große Zahl Kinder der einberufenen Arbeiter eine gute Suppe erhielten.

Dem Beispiel des Vorjahres folgend, kaufte die Gemeinde auch im September 1915 nicht nur Kartoffeln für die Kriegerfrauen und für die übrige Bevölkerung ein, sondern sie beschaffte auch eine größere Menge Kappus, da das Gemüse inzwischen knapp geworden war.

Im November 1915 stellte die Firma Niedieck & Co. den Kriegerfrauen ihrer Arbeiter drei Scheffel Koks kostenlos zur Verfügung. Ferner verteilte sie an alle Arbeiter-Kriegerfrauen ihres Betriebes einen Gutschein von 8 Mark für beliebige Einkäufe in ihrer Konsumanstalt, gabnoch 7 Mark in bar und stellte für jede Familie noch weitere 4 Scheffel Koks unentgeltlich bereit.

Für die Weihnachtsbescherung im Jahre 1915 wurde für die Kinder der bedürftigen Kriegerfrauen vom Kreise Kempen ein Betrag von 250 Mark und vopn der Gemeinde Lobberich ein solcher von 200 Mark bewilligt.

Zur Steuerung der inzwischen größer gewordenen wirtschaftlichen Not faßte der Gemeinderat am 29. Januar 1916 folgenden Beschluß:

"Kriegerfrauen und Witwen, deren einziger Ernährer zum Kriegsdienste eingezogen ist, wird, soweit sie Reichs- und Gemeindebeihülfe beziehen, vom 1. Januar 1916 ab ein Wohnungszuschuß von monatlich 5 Mark gewährt. Denjenigen Vermietern, die mindestens 1/3 der Miete nachlassen, soll der Rest der Miete, also 2/3 des Gesamtbetrages, sichergestellt werden in der Weise, daß der Wohnungszuschuß und ein entsprechender Teil der dem Mieter zustehenden Gemeindebeihilfe unmittelbar an sie gezahlt werden. Den Mietern, die der Kürzung der Gemeindebeihilfe um den Betrag der Miete nicht freiwillig zustimmen, soll die ganze Gemeindebeihilfe verweigert werden."

Der Lobbericher Turnverein veranstaltete im März 1916 unter seinen Mitgliedern eine Sammlung zur Unterstützung der Frauen ihrer im Felde stehenden Mitglieder. Die Sammlung ergab 178 Mark. Bisher hatte der Turnverein für diesen edlen Zweck bereits über 1000 Mark aus seiner Kasse hergegeben.

Vom 1. Juni 1916 ab gab die Firma Niedieck & Co. an Kriegerfrauen, deren Männerbei ihr beschäftigt waren, bis zu 25 Scheffel Koks zum Preise von 30Pfg. für den Scheffel ab. Der Koks durfte jedoch nur im eigenen Haushalt verbraucht werden.

Am 5. November 1916 veranstaltete das 2. Ersatz-Bataillon Inf. Regt. 161 zu Eschweiler im Saale des Hotels Kessels in Lobberich ein Wohltätigkeits-Konzert, dessen Ertrag für die Kriesfürsorge bestimmt war.

Die Firma Niedieck & Co. gab im Januar 1917 1 1/2 Scheffel Holzbrandkohlen zum ermäßigten Preise von 1,15 Mark an Kriegerfrauen ihres Betriebes ab.

Der Arbeitslosen-Ausschuß setzte im März 1917 zur Sicherung einer möglichst ergiebigen Ausnutzung der Gärten der Kriegerfamilien einen besonderen Ausschuß ein, der den Frauen mit Rat und Tat zur Seite stehen und auch aus den Reihen der Arbeitslosen die nötigen Arbeitskräfte vermitteln sollte.

Die Firma Niedieck & Co. bestellte im September 1917 für das Frühjahr 1918 frühe undspäte Saatkartoffeln für die Kriegerfrauen und Kriegerwitwen ihres Betriebes und gab diese zum Selbstkostenpreis ab. Sie bewilligte ferner im Oktober 1917 Vorschüsse zum Einkauf von Winterkartoffeln an ihre Kriegerfrauen.

Fürsorge für die Hinterbliebenen der gefallenen Krieger.

Die Bezüge der Hinterbliebenen der im Kriege Gefallenen wurden durch die Militärpensionsgesetze von 1906 und 1907 geregelt und zwar in Deutschland so gut wie in keinem anderen Lande der Welt. Das war namentlich für unsere Kriegerfamilien eine Beruhigung. Witwen und uneheliche oderlegitimierte Kinder der Gefallenen oder infolge Kriegsverwundung oder Kriegsdienstbeschädigung gestorbener Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere erhielten Kriegs-, Witwen- und Waisengeld. Das Kriegswitwengeld betrug bei der allgemeinen Versorgung jährlich:

a) 300 Mark für Witwen eines Feldwebels, Vizefeldwebels, Sergeanten mit Vizefeldwebelgebührnissen, Zugführers der freiwilligen Krankenpflege und Unterbeamten mit pensionsfähigem Diensteinkommen von mehr als 1200 Mark.

b) 200 Mark jährlich für Witwen eines Sergeanten, Unteroffiziers, Zugführers-Stellvertreter oder Sektionsführers der freiwilligen Krankenpflege, Unterbeamten mit pensionspflichtigem Diensteinkommen von jährlich 1200 Mark und weniger.

c) 100 Mark jährlich für Witwen eines Gemeinen oderjeder anderen Person des Unterpersonals der freiwilligen Krankenpflege.

Wenn "allgemeinene Versorgung" nicht in Frage kam, so erhielten die Witwen der unter a) aufgeführten Personen jährlich 600 Mark, der unter b) aufgeführten Personen 500 Mark und der unter c) aufgeführten Personen jährlich 400 Mark.

Das Kriegswaisengeld betrug bei "allgemeiner Versorgung" für alle Waisen dieser Klassen 108 Mark, falls die Mutter noch lebte. War auch diese gestorben, so erhielt die Waise 140 Mark jährlich. Stand "allgemeine Versorgung" nicht zu, so erhielt jede Waise, falls die Mutter lebte, jährlich 160 Mark, falls die Mutter aber tot war, 240 Mark.

Kriegselterngeld konnte den Verwandten aufsteigender Linie gewährt werden, wenn der verstorbene Kriegsteilnehmer ihren Lebensunterhalt überwiegend bestritten hatte. Dem Vater und jedem Großvater, der Mutter und jeder Großmutter konnten jährlich 250 Mark Kriegselterngeld bewilligt werden. Ein Rechtsanspruch darauf bestand allerdings nicht. Die Bewilligungen geschahen auf Antrag im Gnadenwege.

Den Hinterbliebenen von Personen, die zwar zum Kriegsdienst eingezogen gewesen waren, aber nicht dem Feldheere angehört hatten, konnte Kriegsversorgung gewährt werden, wenn diese Heerespersonen infolge außerordentlicher Anstrengungen vor Ablauf eines Jahres nach Friedensschluß gestorben waren. Die Anstrengungen mußten aber unmittelbar mit dem Heeresdienst in Verbindung zu bringen sein. Ebenso waren die Hinterbliebenen solcher Personen geschützt, die auf Befehl an Kriegen fremder Heere teilgenommen hatten und vor Ablauf eines Jahres nach Friedensschluß gestorben waren. Diese Bestimmung war z.B. wertvoll für den Fall der Abkommandierung von Mannschaften zum österreichisch-ungarischen Heere.

Endlich allen nicht versorgungsberechtigten Witwen Beihilfen gewährt werden, sodaß das jährliche Gesamteinkommen betrug: Bei den Witwen unter a) genannten Person 600 Mark, einer unter b) genannten Person 500 Mark und einer unter c) genannten Person 400 Mark.

Die Zahlung begann entweder nach Einstellung der Gnadengebürnisse oder mit dem Tage, der auf den Sterbetag folgte. Kriegsversorgungen wurden monatlich im voraus, Zuschüsse in einer Summe im voraus, gezahlt.

Bereits im August 1914 beschlossen die Vorstände der christlichen Gewerkschaften in Köln, von dem Vermögensbestande mehrere Millionen Mark den Hinterbliebenen der Kriegsteilnehmer zuzuwenden.

Der Lobbericher Textilarbeiterverband gewährte, obwohl die Mitgliedschaft für die Kriegsteilnehmer ruhte, den Hinterbliebenen der im Felde Gefallenen ein Sterbegeld und eine einmalige Witwen- und Waisenunterstützung.

Die Landesbank der Rheinprovinz richtete ebenfalls eine Unterstützungskasse für die Hinterbliebenen von Kriegsteilnehmern ein, unter der Bezeichnung "Kriegsversicherung der Rheinprovinz auf Gegenseitigkeit für den Krieg 1914". Die Sparkasse Lobberich erteilte auf Wunsch jede Auskunft.

Auf Anregung des Vereins deutscher Schmucksteinfreunde e.V. Krefeld bildete sich unter dem Vorsitze des Herrn Carl van der Upwich für die Dauer des Krieges ein Ausschuß zur Errichtung einer Sammelstelle "Vaterlandsdank 1914". Der Vaterlandsdank hatte sich seit dem Tage der Mobilmachung bereits über ganz Deutschland verbreitet. Seine Aufgabe war die Sammlung entbehrlicher Gold- und Silbersachen aller Art. Die Gaben flossen der Nationalspende zu. Der sich aus der Einschmelzung der Gaben ergebende Erlös wurde zum Besten notleidender Hinterbliebener im Kampfe gefallener Krieger verwandt. Sammelleiter und Schriftführer war Herr Albert Boetzkes jr. Lobberich.

Es gingen bei dieser Sammelstelle ein:

6 Uhren, 6 Uhrketten, 6 Trauringe, 29 Schmuckringe, 22 Uhr- und Armringe, 18 Münzen, 9 Broschen, 14 Kreuze, 19 sonstige Gegenstände und 12 Mark an barem Geld.

Bei der Geschäftsstelle Rhein und Maas wurden abgegeben:

1 silbervergoldeter Kranz, 1 silbernes Tablett und 3 Paar goldene Ohrringe.

Die Stifter erhielten als Gegengabe Eisenringe mit der Inschrift "Vaterlandsdank 1914". Wurden die Eisenringe als Ersatz für Trauringe gegeben, so lautete die Inschrift "Treu wie Gold".

Die erste Sendung der in Lobberich gesammelten Gold- und Silbersachen ging im Februar 1915 an die Hauptstelle "Vaterlandsdank 1914" ab. Es wurden 277 Gaben abgeliefert, die ein glänzendes Zeugnis über die Opferfreudigkeit der Lobbericher Bürgerschaft zur Linderung der Not der Hinterbliebenen der gefallenen Krieger ablegten.

Nicht weniger als 940 goldene und silberne Gegenstände, wie Uhren, Ringe, Armbänder, Knöpfe, Nadeln, Brillengehäuse, Gabeln, Löffel, Messer, Münzen und Medaillen sowie 200 Mark bares Geld konnten wiederum am 1. Juni 1915 an die Hauptstelle Vaterlansdank abgeliefert werden.

Die Sammlung der hiesigen Ortssammelstelle des Vaterlandsdank brachte im ersten Jahre an Gold- und Silbersachen einen Metallwert von 750 Mark und an Barspenden 1016 Mark auf. An den Spenden beteiligten sich 500 Bürger, an die 560 Erinnerungsringe ausgegeben wurden.

Die im Oktober 1916 veranstaltete Sammlung der Nationalstiftung für die Hinterbliebenen der im Kriege Gefallenen ergab in der Gemeinde Lobberich den Betrag von 12 140,96 Mark.

Ein Wohltätigkeitskonzert, das am Ostermontag 1917 für die Hinterbliebenen der U-Bootleute im Kessel'schen Saale stattfand, wies einen Reinertrag von 205,10 Mark auf.

Der Ertrag der Sammlung für den gleichen Zweck und für die Nationalstiftung des Kreises Kempen belief sich inLobberich auf 11 755,14 Mark.

Die Privatsammlung des Verlages Rhein und Maas hatte ein Ergebnis von 2 226 Mark.

Die unter dem Titel "Deutscher Frauendank" im Dezember 1917 gesammelten Gelder wurden von der Zentrale in Berlin je zur Hälfte dem Reichsausschuß der Kriegsbeschädigtenfürsorge und der Nationalstiftung für Hinterbliebene überwiesen. Zum erstenmale flossen von diesen Geldern 225 Mark nach Lobberich zurück. Diese Summe wurde verwandt als Beihilfe für Angehörige Gefallener oder Kriegsbeschädigter zur Schul- oder Berufsbildung, und zur Unterstützung für Angehörige - insbesondere Mütter - Gefallener, für die durch Renten nicht hinreichend gesorgt war, oder für Angehörige von Kriegsbeschädigten, die durch Alter, Krankheit oder Inanspruchnahme in der Familie in der Familie am eigenen Erwerb verhindert waren.

Am 7. Januar 1918 wurden im Tohang'schen Hause - neben dem Bongartzstift - die ersten Sprechstunden der Kriegshinterbliebenenfürsorge abgehalten und lebhaft von den Kriegshinterbliebenen in Anspruch genommen. Geleitet wurde die Fürsorgestelle von den Damen Fräulein Lehrerin Janssen, Fräulein Katharina Deutges und Fräulein Alwine Tohang. Regelmäßige Sprechstunden fanden Montags von 2 bis 4 Uhr nachmittags statt.

Erwerbslosenfürsorge der Gemeinde während des Krieges.

Durch die Mobilmachung wurden der Industrie und dem Handwerk mit einem Schlage Millionen von Arbeitskräften entzogen und über Nacht war Deutschland von den überseeischen Gebieten, ja sogar von dem größten Teile des Weltmeeres, abgesperrt. Aus einem Lande, das seine stärksten Kräfte aus dem Warenaustausch mit fremden Völkern gezogen hatte, wurde ein in sich abgeschlossener Staat, eine riesige Festung, die nach dem Plane unseres gefährlichsten Feindes, von England, ausgehungert werden sollte. Dazu kam für die Gemeinde Lobberich das Gespenst der Arbeitslosigkeit, weil die hier vorherrschende Textilindustrie neben dem großen Inlandsabsatz hauptsächlich auf das uns feindlich gesinnte Ausland (England, Vereinigte Staaten, Frankreich usw.) angewiesen war. In der Tat trat auch schon in der hiesigen Samtindustrie während der ersten Monate des Krieges, wenn auch keine Arbeitslosigkeit, so doch eine stark eingeschränkte Produktion ein. Mehrere Tage in der Woche ruhten die Betriebe und mehrere Hundert Arbeiter mußten feiern. Hier griff nun gleich die Fürsorge der Gemeinde ein; sie beschäftigte eine größere Anzahl arbeitsloser Leute mit Wegebauten usw., sie richtete einen Arbeitsnachweis ein und gewährte den Erwerbslosen eine Beihilfe. Nachstehende Bekanntmachung möge ein Bild von der großen Fürsorge Lobberichs für die Erwerbslosen geben:

Arbeitsnachweis.

Auf die Anregung mehrerer Bürger hin, sind wir bereit, einen Arbeitsnachweis in unserer Geschäftsstelle einzurichten. Es möge sich jeder, der eine Beschäftigung sucht, insbesondere alle diejenigen, die den Landwirten bei der Ernte behilflich sein wollen, melden. Auch wollen alle Arbeitgeber und Landwirte, die Arbeiter einstellen können, uns sofort Nachricht geben.

Lobberich, den 5. August 1914.

Geschäftsstelle der Zeitung "Rhein und Maas".

Arbeitsnachweis.

Wir weisen darauf hin, daß sich in unserer Geschäftsstelle bereits eine Reihe Arbeiter jeden Alters gemeldet haben, die bereit sind, Aushülfe, besonders auch Erntearbeiten zu verrichten. An alle Arbeiter und besonders auch an die jungen Leute ergeht die Bitte, sich weiter zahlreich zu melden. Die Landwirte und Arbeitgeber, die irgendwie Aushilfe benötigen, ersuchen wir höflichst, sich bei uns zu melden bezw. um Einsichtnahme der Liste der Arbeitssuchenden.

Lobberich, den 8. August 1914.

Geschäftsstelle der Zeitung "Rhein und Maas".

Bekanntmachung.

Um Beschäftigungslosen Arbeit zu verschaffen und den hier und da namentlich in der Landwirtschaft aufgetretenen Mangel an Arbeitskräften zu beseitigen, ist für die Gemeinde Lobberich ein Arbeitsnachweis eingerichtet worden.

Der Einrichtung steht Herr Beigeordneter Boetzkes vor, während Herr Bürovorsteher Brocher die schriftlichen Arbeiten übernommen hat. Der Arbeitsnachweis wird zunächst die Nachfrage nach und das Angebot von Arbeitskräften innerhalb der Gemeinde Lobberich ausgleichen. Allwöchentlich wird er dem in Kempen bestehenden Kreisarbeitsnachweismitteilen, was an offenen Stellen und was an Arbeitskräften gemeldet ist und so einen Ausgleich innerhalb des Kreises schaffen. Endlich haben sich mehrere Kreise zu einem Verband zusammengetan, um so den Überschuß an Angebot und Nachfrage innerhalb des Verbandes auszugleichen.

Die Gecshäftsstelle des Arbeitsnachweises befindet sich auf Zimmer Nr. 4 des Rathauses. Sie ist während der üblichen Bürostunden geöffnet.

Es wird dringend gebeten, von dieser Einrichtung den weitesgehendsten Gebrauch zu machen.

Lobberich, den 12. August 1914.

Der Bürgermeister.

Bekanntmachung.

Im Interesse der vielen notleidenden Familien der Gemeinde bitte ich alle diejenigen, die Arbeit zu vergeben haben, recht dringend, den auf Zimmer Nr. 4 des Rathauses bestehenden Arbeitsnachweis in Anspruch zu nehmen.

Lobberich, den 21. August 1914.

Der Bürgermeister.

Auskunfterteilung an Handwerker

Die neuen sogenannten Kriegsgesetze über den Zahlungsaufschub, die Wechselfristen und die Aussicht zur Verhütung von Konkursen, sind den Handwerkern meistens unbekannt. Viele wissen sich garnicht zu helfen, besonders im Verkehr mit ihren Gläubigern. Es wird deshalb hiermit darauf hingewiesen, daß die Auskunftstelle der Handwerkskammer in Düsseldorf über alle wirtschaftlichen, geschäftlichen und rechtlichen Fragen kostenfrei und zwar schriftlich und mündlich den Handwerkern Auskunft erteilt.

Lobberich, den 25. August 1914.

Der Bürgermeister.

Stellennachweis.

Den Handwerkern, die zu Ostern 1915 Lehrlinge einzustellen beabsichtigen, wird anheimgegeben, dem Bürgermeisteramt zwecks Ausstellung einer Stellenliste, die den Schulen hierselbst und in der Umgegend übermittelt wird, bis zum 8. Januar 1915 entsprechende Mitteilung zu machen.

Lobberich, den 23. Dezember 1914.

Der Bürgermeister.


Am 29. August 1914 fand die erste Auszahlung der Beihülfen von der Gemeinde für Arbeitslose auf der Gemeindekasse statt.

An die Lobbericher Bürgerschaft wandte sich neuerdings in einem warmherzigen Aufruf Herr Bürgermeister Felder. Es wies indemselben auf die große Zahl der Beschäftigungslosen in Lobberich hin, von denen trotz der Notstandsarbeiten, die die Gemeinde verrichten lasse, im Verhältnis nur ein kleiner Teil beschäftigt werden könne.

An die Familien, die durch den Krieg in Not geraten seien, zahle die Gemeinde Beihülfen. Es sei zu verstehen, daß es vielen Notleidenden widerstrebe, ihren Unterhalt aus Gemeindemitteln zu bestreiten und daß sie lieber zu den schwersten Arbeiten bereit seien, als Gemeindebeihülfe in Anspruch zu nehmen. In anerkennenden Worten wurde das Verhalten der hiesigen Fabrikbesitzer hervorgehoben, die ihre Betriebe, soweit als möglich, aufrecht erhielten. Aber eine wirksame Linderung der Not sei nur dann möglich, wenn alle Bürger der Gemeinde, die in guten Verhältnissen leben, mithelfen würden durch Vergebung von Arbeiten an die Handwerker, durch Beschäftigung der Fabrikarbeiter in Gärten, Feld und Wald. Hierbei dürfe nicht ängstlich die Frage geprüft werden, ob die Arbeiten noch hinausgeschoben oder ob sie nicht bei größerer Anspannung der Arbeitskraft der eigenen Leute verrichtet werden könnten. Nur einzig und allein dürften sich die Besitzenden von der Ueberzeugung leiten lassen, daß sie in dieser überaus ernsten Zeit mehr als je die Pflicht hätten, sich der Armen anzunehmen.

Im September 1914 beschloß der Gemeinderat auf Antrag der Betriebskrankenkassen der Firmen Niedieck & Co. und I. L. de Ball & Co. zur Aufrechterhaltung der Krankenversicherung die Beiträge aller Krankenkassen=Mitglieder, die in Lobberich ihren Wohnsitz haben, falls sie Kriegsteilnehmer oder eine Woche hindurch oder länger arbeitslos waren, zur Hälfte und, soweit notwendig, zu zwei Drittel zu übernehmen. Die beiden hiesigen Großfirmen erklärten sich bereit, ihrerseits die Hälfte der Kassenbeiträge in den angegebenen Fällen zu zahlen. Diesem Beispiele sind alle hiesigen Firmen sowie noch andere Arbeitgeber gefolgt. Ferner hat die Firma Durst & Krey Nachfolger ihre beschäftigungslosen Arbeiter durch Barmittel unterstützt. Sie zahlte nach Einstellung ihres Betriebes ihren arbeitslosen verheirateten Arbeitern pro Woche 5 Mark, den ledigen 2,50 Mark.

Der Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Samt-, Plüsch- und Samtbandfabrikanten, Herr Ewald Goecke-Krefeld, überwies als Arbeitslosenbeihülfe aus seinen Mitteln zu Händen des Herrn Geheimrats van der Upwich-Lobberich 200 Mark.

Wie Handwerk und Industrie allenthalben reichlich Gelegenheit gegeben wurde, sich an Lieferung und Herstellung von Kriegsbedarfsartikeln zu beteiligen, so wurden auch in Lobberich bedeutende Aufträge ausgeführt. Emsig arbeiteten Schneider und Schneiderinnen Militärmäntel, Hosen usw. Schuhmacher lieferten große Posten Militärstiefel. Die Textilindustrie befaßte sich mit der Herstellung einschlägiger Kriegslieferungen. Der mechanischen Möbelfabrik W. Utzenrath hier wurde die Herstellung von Bettstellen für Lazarettzüge übertragen, wodurch ihr für einige Zeit reichlich Arbeit gegeben wurde. Die Ablieferung der ersten 400 Bettstellen konnte in einem Zeitraum von 14 Arbeitstagen erfolgen.

Der Gemeinderat setzte im November 1915 eine Kommission ein zur Regelung der Fürsorge für arbeitslose Textilarbeiter.

Der Bürgermeister gab im Dezember 1915 bekannt, daß auf Anordnung des Reichsamtes auch für die Gemeinde Lobberich eine Erwerbslosenfürsorge einzurichten sei.

Die Arbeitslosenbewegung hatte auch hier eingesetzt.

Bekanntmachung

Der Arbeitslosenausschuß hat bestimmt:

Die von der Gemeinde unterstützten Arbeitslosen sind verpflichtet, die von der Gemeinde ihnen zugewiesenen Arbeiten ohne besondere Entschädigung auszuführen.

Kriegerfrauen und Eltern von Kriegern sollen Arbeitslose zur Bearbeitung der Gärten und des Landes zur Verfügung gestellt werden. Auch anderen Personen können Arbeitslose gestellt werden, soweit es möglich ist. Die für die Arbeitsleistung zu zahlenden Entschädigungen werden vom Ausschuß festgesetzt und fließen in die Gemeindekasse.

Arbeitslose, welche sich selbst Arbeit verschaffen, sind an vorstehende Bedingungen nicht gebunden, wenn sie sich vorher als arbeitslos abmelden.

Unterstützungsempfänger, welche nur vorübergehend, aber mindestens einen halben Tag arbeitslos sind, haben sich wie bisher bei Herrn Frank zumelden. Für alle übrigen Arbeitslosen aber wird auf Zimmer Nr. 5 des Rathauses eine Arbeitsnachweisstelle eingerichtet, welche jeden Werktag während der Dienststunden geöffnet ist. Diese Arbeitsnachweisstelle nimmt auch alle Anträge auf Zuweisung von Arbeitslosen zur Arbeitsleistung entgegen.

Lobberich, den 23. April 1918

Der Bürgermeister.

Lobberichs Fürsorge während des Krieges für die Bürgerschaft

Bereits im ersten Kriegsmonat beschloß der Gemeinderat, auch für die durch die Kriegswirren wegen mangelnder Beschäftigung in bedürftige Verhältnisse geratenen Familien in fürsorglicher Weise einzutreten. Er bewilligte einstimmig die für diese Unterstützungen notwendigen Mittel und ernannte eine Kommission von 12 Herren, die die Ansprüche zu prüfen und die Höhe der Unterstützungen festzusetzen hatte. Große Aufgaben mußte die Gemeindeverwaltung in Verbindung mit der Kriegsunterstützungskommission erledigen, um den zahlreichen Ansprüchen der durch die Not des Krieges Betroffenen nachzukommen. Die Fürsorge der Gemeinde Lobberich war entschieden eine weitgehende und vorzügliche, sie verdiente Anerkennung aller Kreise. Die Kriegsunterstützungskommission prüfte gewissenhaft alle Anträge und gewährte in weitherzigster Weise Unterstützungen, wo Bedürftigkeit vorlag.

Im November 1914 wurde von der Gemeinde Vorsorge für die Einkellerung von Speisekartoffeln getroffen. Ihre Beschaffung kam dadurch zum Abschluss, daß eine Reihe Lobbericher Landwirte sich bereit erklärten, von dennoch vorhandenen geringen Vorräten einen Teil der Gemeinde zu 3,50 Mark für 100 Pfund zu überlassen. Der Gemeinderat ermäßigte den Preis für die Bedürftigen auf 3 Mark. Auch wurde der Betrag, soweit als notwendig, von der Gemeinde als Vorschuß an die Bürger gegeben. Durch das Entgegenkommen des Herrn Carl Niedieck konnten die Kartoffeln durch das Fuhrwerk seiner Firma frei ins Haus geliefert werden.

Die Firma Niedieck & Co. kaufte ebenfalls 160 000 Pfund Kartoffeln, die sie an ihre Arbeiter 1 Mark unter Selbstkostenpreis pro Zentner abgab.

Auf Anregung der Kriegsunterstützungskommission stellten die Landwirte Lobberichs bereitwilligst für die Linderung der Not der Gemeinde Lebensmittel unentgeltlich zur Verfügung. Durch freiwillige Fuhren wurden an die Gemeinde abgeliefert: Kartoffeln, Möhren, Rüben, Mehl, Getreide usw.

Landwirte, die an Feldfrüchten keinen Überfluß hatten, gaben gerne bares Geld.

Herr Carl Niedieck ließ im Januar 1915 für seine Arbeiter 10 000 Pfund holländische Möhren kommen, die er, wiebei den Kartoffeln, weit unter Selbstkostenpreis abgab.

In einer Gemeinderatssitzung Anfang 1915 wurde, um einer etwaigen Fleischnot vorzubeugen, ein Betrag von vorläufig 30 000 Mark zur Beschaffung und Aufstapelung von Schweinedauerfleisch bewilligt. Die Regierung hatte nämlich den Städten und Gemeinden über 5000 Einwohner die Verpflichtung auferlegt, Vorräte an Dauerware zu beschaffen. Daß dieser Beschluß des Gemeinderats lange Besprechungen erforderte, versteht sich wohl von selbst. Eingehend wurde die Angelegenheit nach allen Seiten hin erwogen und schließlich setzte maneine Kommission ein, der die nicht ganz leichte Durchführung des Einkaufs, der Herstellung, der Aufbewahrung und die Vereinbarung mit den Metzgern überlassen bleiben sollte. In mehreren Sitzungen wurde eine Einigung mit denselben über die von der Gemeinde zu zahlenden Preise für Speck, Schinken und Dauerwurst erzielt. Die ersten 20 Schweine wurden von der Gemeinde aufgekauft und an mehrere Metzger zum Selbstkostenpreis, der als Vorschuß auf die zu liefernde Dauerware gegeben wurde, weitergegeben. Die fertiggepökelte und geräucherte Ware kaufte die Gemeinde zu einem angemessenen Preise zurück und stapelte sie zum späteren Verkauf auf. Die Metzger mußten für haltbare Ware garantieren.

Die Gemeinde hatte bis Mitte Februar 1915 zur Verarbeitung von Dauerware bereits 100 Schweine zum Preise von 85 bis 90 1/2 Pfg. pro Pfund Schlachtgewicht, teils in hiesiger Gegend, teils in Holland und auf dem Markte in Köln aufgekauft. Die Metzger hatten abzuliefern: 2 Seiten Speck, die Vorder- und Hinterschinken, und die Dauerwurst, zusammen 80% des erhaltenen Gewichtes. Diese Ware wurde mit einem Preisaufschlag von der Gemeinde zurückgekauft. Die Aufbewahrung der Dauerware erfolgte im Gemeindespritzenhaus an der Alleestraße und auf den Speicherräumen des Rathauses.

Die Kriegsunterstützungskommission tagte in mehreren Sitzungen, um auch Stellung zu nehmen zu der Regelung der wichtigen Frage der Brot- und Mehlversorgung der Gemeinde wiesie durch die Bundesratsverordnung vorgeschrieben war. Die in der Gemeinde Lobberich festgestellten und beschlagnahmten Frucht- und Mehlvorräte waren in der ersten Zeit so reichlich, daß die Gemeinde den größten Teil an die Kriegsgetreidegesellschaft in Berlin abgeben konnte, ohne daß die Versorgung der hiesigen Bevölkerung in Frage gestellt wurde. Die Regelung dieser Angelegenheit war vom Kreiskommunalverband den Gemeinden übertragen worden. Zur genauen Durchführung der Bundesratvorschriften bedurfte es überall einer wohlüberlegten Organisation. In Lobberich wurden zu diesem Zwecke mehrere Kommissionen eingesetzt. Eine Kommission, bestehend aus Landwirten der verschiedensten Bezirke der Gemeinde, übernahm die Prüfung der Vorratsangaben und vermittelte die regelmäßige Abgabe an die Bäcker und Müller sowie an die Kriegsgetreidegesellschaft. Die andere Kommission, bestehend aus Fachleuten, mußte die von den Bäckern benötigte Menge Mehl feststellen und dieserhalb mit der ersten Kommission Hand in Hand arbeiten. Eine größere Kommission, bestehend aus Bürgern der Gemeinde, übernahm die monatliche Ausgabe von Brot- und Mehlkarten an die Haushaltungen und die sich hieraus ergebende Kontrolle.

Im Mai 1915 hatte die Gemeinde wieder einige Eisenbahnwaggons Kartoffeln angekauft. Sie gab diese an die Bürgerschaft zum Selbstkostenpreis ab. Die minderbemittelte Bevölkerung und die Familien der einberufenen Mannschaften erhielten die Kartoffeln zu bedeutend herabgesetztem Preise. Der Preis wurde vom Gemeinderat bestimmt.

Am 20. Mai 1915, nachmittags von 1 1/2 bis 7 Uhr, begann die Gemeinde mit dem Verkauf der von ihr eingelegten Fleischdauerware. Die Preise waren auf`s Billigste festgesetzt. Es kosteten pfundweise: Dauerwurst 1,90 Mark, Hinterschinken 1,70 Mark, Vorderschinken 1,50 - 1,60 Mark, Speck 1,40 und 1,50 Mark, Kinnbacken 1,40 Mark. In welcher Weise die Ware zumVerkauf gelangte, regelte eine amtliche Bekanntmachung. Nur Lobberichern wurde Fleisch verabfolgt, die Brotkarte diente als Ausweis. Die zum Verkauf gelangende Ware war gut, da minderwertige Ware nicht eingelegt wurde. Ein Gang durch den Aufbewahrungsraum überzeugte, welchen Wert die Gemeinde auf die Pflege der Dauerware legte. Was zunächst in die Augen fiel, war der hohe luftige und saubere Ort, wo dieselbe untergebracht war. Auf kräftigen Gestellen hingen die Schinken, sauber eingehüllt in weiße Säckchen, der durchwachsene Speck, die Nackenstücke, die Würste, die Kinnbacken usw., die alle vom Fachmann mit besonderer Sorgfalt gehütet wurden. So war jede Bürgschaft gegeben, daß der Käufer nur beste Ware erhielt. Der Wert der Dauerwarebelief sich auf 32 000 Mark. Der Andrang von Kauflustigen war recht stark und ging die Ware flott ab. Es wurde vorläufig an jedem Donnerstag nachmittags verkauft.

Weiter betätigte sich die Fürsorge der Gemeinde in der Beschaffung von Speisekartoffeln für ihre Bevölkerung.

Der Verkauf der Kartoffeln fand jeden Dienstag und Freitag, nachmittags von 2 Uhr ab, statt. Die Abgabe erfolgte zum Selbstkostenpreis der Gemeinde, die I. Sorte kostete 7 Mark und die II. Sorte 6,30 Mark je Zentner. Für die Familien der Kriegsteilnehmer war der Preis allgemein auf 5 Mark festgesetzt. Die weniger bemittelten Bürger sowie diejenigen, die Kriegs- und Gemeindeunterstützung bezogen, erhielten den Zentner zu 3 Mark.

In der Gemeinderatssitzung vom 15. September 1915 wurde beschlossen: "Der Ausschuß für Dauerware wird ermächtigt, im Rahmen des Kredits von 20 000 Mark Kartoffeln und andere Lebensmittel nacheigenem Ermessen einzukaufen. Die Kartoffeln sollen an jedermann gegen bar zum Selbstkostenpreis abgegeben werden. Ueber den Zeitpunkt der Einstellung des Gemüse-, Kartoffel-, usw. Verkaufs auf dem Wochenmarkte soll die Dauerwarenkommission bestimmen".

Im Oktober 1915 wurden der Gemeinde von der zuständigen Reichsstelle als außerordentliche Zuweisung eine größere Menge holländischen Käse, Schmalz, Speck und weiße Bohnen überwiesen, die an die Bevölkerung zu mäßigen Preisen abgegeben wurden. Auch verkaufte die Gemeinde in der Markthalle (Spritzenhaus) Heringe. Als Höchstmenge wurde 1 Dutzend abgegeben.

Im März 1916 genehmigte der Gemeinderat den mit den hiesigen Landwirten abgeschlossenen Vertrag über die Sicherstellung der Kartoffelversorgung der Gemeinde für das Jahr 1916. Hierzu war eine Anbaufläche von etwa 700 Morgen erforderlich. In derselben Zeit beschlossen die hiesigen Landwirte, die für die Gemeinde Lobberich erforderlichen Schweine zur Sicherung der Fleischversorgung zu mästen.

Wie in früheren Jahren, so gab auch im Herbst 1916 die Firma Niedieck & Co. ihren Arbeitern durch Lohnvorschüsse die Möglichkeit, die nötige Menge an Winterkartoffeln zu beschaffen.

Die Geschwister Windbergs, Sassenfeld, überwiesen, wie in den beiden vorhergehenden Kriegsjahren, auch für den dritten Kriegswinter der hiesigen Verwaltung unentgeltlich 30 Zentner Kartoffeln zur Verteilung an die Armen.

Von der Gemeinde wurden ca. 60 000 Pfund Weißkohl eingekauft und an die Gemeindeeingesessenen zum Preise von 2,70 Mark je Zentner abgegeben. Der Kappus wurde von hiesigen Landwirten geliefert.

Wie in früheren Jahren hatte auch im 3. Kriegsjahre die Firma I.L. de Ball & Co. den Kartoffelbedarf für ihre Arbeiter eingekauft.

Herr Carl Niedieck und Fräulein Luzie Niedieck stellten im November 1916 der Gemeinde je 5 000 Mark für die Einrichtung einer Volksküche zur Verfügung. Der Gemeinderat beschloß, sich mit 5 000 Mark an dieser Einrichtung zu beteiligen. Diese Einrichtung ist aber leider nicht mehr zustande gekommen.

Im Herbst 1916 wurde die Suppenküche des Herrn Geheimrats van der Upwich für den dritten Kriegswinter für die Kinder seiner einberufenen Arbeiter eröffnet. Am ersten Tage waren schon 140 Kinder zur Stelle.

In Anbetracht der ungewöhnlichen Verteuerung der meisten Lebensmittel zahlte die Firma Niedieck & Co. ihren Angestellten und Werkmeistern für den Monat März 1917 das doppelte Gehalt.

Bei der Firma de Ball & Co. wurden an sämtliche bei ihr beschäftigten Personen Teuerungszulagen gegeben. Die Arbeiterschaft und Handwerker erhielten, wie Weihnachten 1916, nach der Zahl ihrer noch schulpflichtigen Kinder angemessene Unterstützungen. Ebenso erhielten alle Angestellten Teuerungszulagen.

Im Juni 1917 zahlte die Firma Niedieck ihren verheirateten Arbeitern eine Teuerungszulage von 10 bis 20 Mark.

Für den Gemeindebezirk Lobberich wurde im September 1917 eine Annahmestelle abgelegter Kleidungs- und Wäschestücke eingerichtet. Ihr Zweck bestand darin, die minderbemittelte Bevölkerung der Gemeinde mit Winterkleidung zu versorgen. Die Leitung der Annahmestelle wurde Herrn Wilhelm Kother, Markt, übertragen. Die diesbezügliche Bekanntmachung in der "Rhein und Maas" lautete:

"Nachdem mir die Durchführung des Erwerbs, der Verarbeitung und Veräußerung getragener Kleidungs- und Wäschestücke und getragener Schuhwaren auf Grund der Ausführungsbestimmungen der Reichsbekleidungsstelle zur bezl. Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 23. Dezember 1916 durch Verfügung des Herrn Landrats für den Gemeindebezirk Lobberich übertragen worden und damit das alleinige Recht zum Ein- und Verkauf der gedachten Gegenstände auf die von mir unter Leitung des Herrn Wilhelm Kother errichtete Annahmestelle übergegangen ist, fordere ich die Bürger Lobberichs im Interesse der Versorgung der minderbemittelten Bevölkerung mit Winterkleidung dringend auf, die noch in ihrem Besitz befindlichen abgelegten Kleidungs- und Wäschestücke und Schuhe pp. an die bezeichnete Annahmestelle abzuliefern. Die Annahme der abgelieferten Gegenstände erfolgt grundsätzlich gegen Entgelt. Unentgeltlich angebotene Stücke kann die Annahmestelle auch ohne Gewährung einer Entschädigung erwerben. Grundsätzlich sind nur solche Kleidungs- und Wäschestücke anzunehmen, die sich wieder zu gebrauchsfähigen Sachen, wenn auch unter Zuhilfenahme von Ersatzstücken (Flicken usw.) herrichten lassen. Schuhwaren werden in jeder Beschaffenheit angenommen. Die Abschätzung des Wertes der abgelieferten Sachen erfolgt durch den Sachverständigen, dessen Preisfestsetzung für den Veräußerer und Kommunalverband bindend ist. Die Auszahlung des Preises soll in der Regel bei der Ablieferung geschehen, ist dies nicht möglich, so wird ein Empfangsschein ausgestellt und Zeit und Ort der Bezahlung angegeben. Wer bei der Annahmestelle ein getragenes, aber noch gebrauchsfähiges Paar Schuhe oder Stiefel, deren Unterboden aus Leder besteht, entgeltlich oder unentgeltlich abliefert, erhält dafür auf Wunsch eine Abgabebescheinigung, auf Grund welcher ihm ohne Prüfung der Notwendigkeit ein Bezugsschein über ein Paar der in dem Verzeichnis der Luxus-Schuhwaren aufgeführten Fußbekleidungsstücke ausgestellt wird. Für dieselbe Person dürfen aber bis Ende 1917 nur zwei derartige Bezugsscheine ausgestellt werden. Die Annahmestelle ist während der üblichen Geschäftsstunden geöffnet. Die Ablieferung der Sachendurch Beauftragte ist zulässig, auch werden die Sachen auf Wunsch aus den Wohnungen abgeholt. Bezgl. Anträge sind an die Annahmestelle zu richten. Die abgelieferten Sachen werden durch die Annahmestelle nach Reinigung und Instandsetzung zum Selbstkostenpreise an die minderbemittelte Bevölkerung verkauft."

Lobberich, den 15. September 1917.

Der Bürgermeister.


Die Firma Niedieck & Co. überwies im Oktober 1917 ihren Angestellten und Meistern wieder zwei Drittel des Monatsgehaltes als Teuerungszulage. Den Arbeitern wurden Vorschüsse zum Einkauf von Kartoffeln bewilligt.

DerGemeinderat bewilligte eine Beihülfe von 100 Mark für die Spende zum Besten des Säuglings- und Kinderschutzes.

Die Suppenküche des Herrn Geheimrats v. d. Upwich wurde im Dezember 1917 zum vierten Mal eröffnet. Ungefähr 100 Kinder nahmen diesmal teil.

Nachdem die Firma de Ball & Co. noch im September 1917 all ihren Angestellten eine beträchtliche Teuerungszulage hatte zukommen lassen, verteilte sie im Dezember 1917 an sämtliche Angestellte bedeutende Geldgeschenke.

Am Weihnachtsabend wurden bei derselben Firma sämtliche Meister, Gehülfen, Arbeiter und Arbeiterinnen wieder mit einer reichlichen Teuerungszulage bedacht. Alle in genannter Firma Beschäftigten erhielten dieselbe Zulage, wie sie ihnen auch vor Ostern 1917 überreicht worden war. Bei den Verheirateten erhöhte sich die Zulage nach der Zahl der Kinder.

Aufruf

In diesem Jahre wird es ganz besonders schwer fallen, den armen Kindern der Gemeinde Lobberich, deren Väter und Brüder draußen für uns kämpfen, die notwendigsten Kleidungsstücke zu beschaffen. Auch Bedürftige Kriegsinvaliden, die zur Heimat entlassen, sind nicht in der Lage, sich bürgerliche Kleidung zu verschaffen. In so manchen Schränken und Kommoden liegen noch Herren- und Damenkleiderund Unterzeuge, die für den Besitzer entbehrlich, für arme Kinder und für Kriegsbeschädigte aber noch passendgemacht werden können. Auch für die Säuglinge armer Kriegerfrauen fehlt es an der nötigen Wäsche. Gerade in der Jetztzeit ist es vaterländische Pflicht eines jeden, alles Entbehrliche an Kinderwäsche den örtlichen Wohltätigkeitsorganen zur Verfügung zu stellen.

Darum ergeht an die Bürger Lobberichs, die sich in ihrer Opferfreudigkeit noch immer glänzend hervorgetan haben, die dringende Bitte:

Gebt alles Entbehrliche an Kleidungsstücken, Unterzeug und Kinderwäsche ab.

Die Fräulein Lehrerinnen werden am 12. März dss? Jrs. nachmittags, nötigenfalls an dem darauf folgenden Tage in den einzelnen Häusern vorsprechen und durch die Schulkinder die Sammlung vornehmen.

Es wird ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß die gesammelten Gegenstände nur den Bürgern Lobberichs zugute kommen.

Auf Wunsch erfolgt Bezahlung.

Lobberich, den 28. Februar 1918

Der c. Bürgermeister Der Vorstand des Vaterländischen Frauenvereins


Die im Anschluß an diesen Aufruf imMärz 1918 stattgefundene Sammlung hatte ein erfreuliches Ergebnis. Es wurden durchweg gute Sachen gegeben, darunter viele wertvolle, kaum getragene Stücke. Große Anerkennung verdient auch der unermüdliche Sammeleifer der Lehrerinnen, die die nicht leichte Aufgabe des Sammelns bereitwilligst übernommen hatten. An der Sammelstelle kamen ein:

97 Erstlingshemdchen, 109 Erstlingsjäckchen, 11 Wickel, 48 Nabelbändchen, 64 Kindertücher, 4 wollene Kindertücher, 5 Windelhöschen, 57 Kinderhemdchen, 22 Kinderhöschen, 10 Kindermützchen, 5 Nachthöschen, 1 Nachthemd, 9 Knabenhemden, 17 Knabenhosen, 22 Knabenblusen und -röcke, 14 Knabenschürzen, 8 Mädchenkleider, 22 Mädchenunterröckchen, 42 Kinderkleidchen, 5 Kindermäntelchen, 7 Mädchenblusen, 12 Mädchenkleider, 43 Mädchenschürzen, 4 schwarze Mädchenschürzen, 1 Kindermuff, 28 Paar Kinderstrümpfe, 12 Paar Kinderschuhe, 5 Paar Handschuhe, 2 Tischtücher, 14 Bettücher, 14 Handtücher, 8 Taschentücher, 88 Damenblusen, 12 Kleiderröcke, 9 Jacken, 10 Damenunterröcke, 6 Damenbeinkleider, 16 Damenhemden, 3 Nachtjacken, 4 Paar Damenstrümpfe, 2 Nachtmützchen, 6 Untertaillen, 11 Herrenhosen, 13 Herrenwesten, 5 Herrenröcke, 4 Herrenüberzieher, 5 Unterhosen, 35 Kragen, 5 Vorhemden, 29 Herrenhemden, 4 Halsbinden, 21 Mützen und Hüte, 3 gestrickte Jacken, 10 Zierschürzen, 2 Umschlagtücher, 15 Kissenbezüge, 4 bunte Decken, 3 Paar Schuhe, Stoff, neu, 6 Meter, 1 Turnhose.

Der hiesigen Gemeinde wurden im September 1918 60 Pfund Tabak überwiesen zur Verteilung an Personen von über 60 Jahren.

Ebenso gingen der Gemeinde von der Reichsbekleidungsstelle Wäsche, Strümpfe und Kleidungstücke zu, die in folgenden Geschäften zum Verkauf kamen:

Kriegsbeschädigtenfürsorge

Die preußische Finanzverwaltung wies im April 1918 die Steuerbehörden darauf hin, daß der § 20 des Einkommensteuergesetzes, der eine Herabsetzung der Steuer bis zu 3 Stufen bei besonders ungünstiger wirtschaftlicher Lage des Steuerpflichtigen zuließ, bei Kriegsbeschädigung zur Anwendung kommen dürfe. Diese Anordnung gab den Kriegsbeschädigten das Recht, die Vorteile des Gesetzes bei ihrer Steuerveranlagung in Anspruch zu nehmen. Die Gemeindeverwaltung legte den größten Wert darauf,daß diese Vergünstigung auch allen Kriegsbeschädigten zugute kam.

Eine hiesige Wohltäterin,ceren Opfersinn sich wiederholt in ähnlichen Fällen bekundete, schenkte einem Lobbericher Beinamputierten einen Fahrstuhl.

Die größte Unterstützung erhielten im Mai 1918 die Kriegsbeschädigten durch die

Ludendorff-Spende.

Ludendorffs Name glänzte über eine neue Mahnung an das deutsche Volk, über die Mahnung, der Männer zu gedenken, die ihre Gesundheit, ihre Glieder für Deutschland verloren hatten.Den Kriegsbeschädigten galt das hochherzige Werk. Allen, die gesund und blühend in den Kampf gezogen waren und herrliche Taten zu Deutschlands Ehre und zu unser aller Wohl verrichtet hatten und die im Tosen der Schlacht wund und krank geworden waren, sollte geholfen werden. Die Glieder, die sie verloren, sollten ihnen durch künstliche ersetzt werden, ihre Krankheiten sollten heilen, ihre Wunden vernarben. Dazu wurde die Ludendorff-Spende geschaffen. Aus allen Teilen Deutschlands strömten Geldsummen zusammen, um den tapferen Helden, unseren Vätern, Söhnen, Brüdern zu helfen, damit jeder einzelne der Tapferen wieder dem wahren Leben, seiner Arbeit zurückgegeben werden konnte. Die Ungezählten, die der Krieg von der Arbeitsstätte fortgerufen hatte und die nun verwundet und krank heimgekehrt waren, sie alle mußten ihrer Tätigkeit wieder zugeführt werden. Ihnen die Heimat, für die sie geblutet haben, wiedergeben, das wollte die Ludendorff-Spende.

Die Versorgung unserer Kriegsbeschädigten ist in erster Linie Aufgabe des Reichs und muß es bleiben. Das Reich konnte und sollte in Erfüllung seiner Pflicht keinesfalls durch eine allgemeine Sammlung entlastet werden.

Aber auch durch weitherzige gesetzliche Regelung der Rentenfragen konnte nicht in jedem Falle so geholfen werden, wie es unserem vaterländischen und sozialen Empfinden entsprach. Sie trug notwendig etwas Schematisches an sich und war in ihrer Starrheit außerstande, dem Bedürfnis und der Dringlichkeit jedes Einzelfalles gerecht zu werden. Es blieben zahlreiche Fälle übrig, bei denen schnellstens geholfen werden mußte, um bittere Not und Verzweiflung abzuwenden. Dies konnte nur durch freiwillige Liebestätigkeit geschehen.

Hier setzte die bürgerliche Liebestätigkeit ein. Sie wollte den Kriegsbeschädigten in das Wirtschaftsleben zurückführen, seine Kraft dem deutschen Volksganzen wiedergeben. Ihr umfangreiches Arbeitsgebiet umfaßte Berufsberatung, Berufsausbildung, Arbeitsbeschaffung, ergänzende Heilbehandlung, Ansiedlung, Wohnungs- und Familienfürsorge sowie Geldunterstützung bei besonderer Hilfsbedürftigkeit.

Auf dem großen Nachbargebiet, der Fürsorge der Kriegshinterbliebenen, waren schon seit Kriegsbeginn gewaltige Summen aus freiwilligen Spenden zusammengeflossen; dank dieser kraftvollen Unterstützung aller Volkskreise verfügte die Nationalstiftung schon über mehr als 100 Millionen Mark für die Witwen und Waisen der gefallenen Krieger.

Den Kriegsbeschädigten sollte das deutsche Volk warme Anteilnahme entgegenbringen. Es wußte, was es den Getreuen schuldete, die mit ihrem Leibe die deutsche Heimat gegen den Ueberfall gedeckt,den Krieg weit hinaus in Feindesland getragen und die Heimat vor Verwüstung und Gewalttat beschützt hatten. Heilige Pflicht war es, denen, die für uns geblutet und gelitten haben, in umfassender Weise zu helfen und überall dort einzugreifen, wo staatlicheHilfe nicht ausreichte, niemals ausreichen konnte. Dieses vaterländische Gebot zu erfüllen, war das Ziel der Ludendorff-Spende. Es handelte sich um nichts Geringeres als um die Wiedererstarkung und Erhaltung unserer Volkskraft nach den zahllosen Wunden, die der furchtbarste aller Kriege unseren Vaterlande geschlagen hatte.

Gewaltige Summen waren erforderlich. Als allgemeine Sammlung im ganzen Reiche wandte sich die Ludendorff-Spende an jeden Deutschen. Verwaltet wurde sie von den im Reichsausschuß der Kriegsbeschädigtenfürsorge vereinigten Organisationen der deutschen Bundesstaaten. Die Spenden flossen grundsätzlich den Landesstellen zu, aus denen sie stammten.

Aufruf!

Deutschland kämpft seinen schwersten Kampf; das Ringen drängt zum Ende. Tausende und Abertausende der Kämpfer in Heer und Flotte kehren zurück, die Glieder verstümmelt, die Gesundheit erschüttert. Ihre Kraft dem deutschen Wirtschaftsleben zurückzugewinnen, ihre Zukunft zu sichern, ist Dankespflicht der Heimat. Die Rentenversorgung liegt ausschließlich dem Reiche ob. Soziale Fürsorge muß sie ergänzen. Sie auszuüben sind die im Reichsausschuß der Kriegsbeschädigtenfürsorge zusammengefaßten Organisationen berufen. Das gewaltige soziale Werk auszubauen, ist das Ziel der

Ludendorff-Spende!

Darum gebt! Macht aus sorgenvollen Opfern des Krieges freudige Mitarbeiter an Deutschlands Zukunft! Ehret die Männer, die für uns kämpften und litten! Nur wenn alle zusammenstehen, wird das hohe Ziel erreicht.

v. Hindenburg, Dr. Graf v. Hertling, Generalfeldmarschall Reichskanzler

v. Stein, Dr. Kaempf, Kriegsminister, General der Artillerie Präsident des Reichstages

Der Ehrenvorsitzende:

Ludendorff, Erster Generalquartiermeister, General der Infanterie.


Männer und Frauen des Kreises Kempen-Rhein!

Inmitten des Krieges genießt Ihr den Segen Eurer Arbeit, die Ihr täglich verrichten dürft!

Ihr genießt das Glück der Feierabendstille, die Euch Erholung gibt!

Ihr genießt den erquickenden Schlaf, dem Ihr Euch ungestört hingeben könnt!

Da draußen aber ist Feindesland:

Da gedeiht keine Arbeit, da fehlt dem Menschenwerk des Himmels Segen!

Da krönt kein froher Feierabend des Tages Mühe!

Da senkt sich kein lindernder Schlummer auf die Lider des Müden!

Denkt daran und danket denen, die über die Heimat wachten, daß Ihr ungehindert arbeiten, feiern und ruhen könnt!

Gebt reichlich für die Ludendorff-Spende!

Unter Führung des Unterzeichneten sind in jeder Bürgermeisterei Ortssammelausschüsse mit dem zuständigen Bürgermeister an der Spitze gebildet worden. Dieser wird in seinem Bezirk für die Durchführung der allgemeinen Sammlung in der Zeit vom 1. bis 7. Juni 1918 mit Opfertagen am 1. und 2. Juni 1918 Sorge tragen.

Gabennehmen jetzt schon entgegen:

Die Gemeindekassen oder die Gemeindesparkassen sowie die Kreissparkasse Kempen (Rh.)

Kempen-Rhein, den 23. Mai 1918

Der Vorsitzende des Kreiswohlfahrtsamtes:

von Hartmann-Krey, Königl. Landrat


Im Anschluß an den vorstehenden Aufruf gebe ich bekannt, daß hier am kommenden Sonntag, dem 2. Juni 1918, eine

Büchsensammlung

auf den Straßen und in den ersten Tagen der kommenden Woche eine

Sammlung von Haus zu Haus

stattfinden wird.

In Anbetracht des großen sozialen Zweckes der Spende empfehle ich sie der so oft bewährten Opferfreudigkeit der Eingesessenen auf Wärmste.

Lobberich, den 31. Mai 1918

Der Bürgermeister: Eger.


Ein ganz neuer Grundsatz war für die Verteilung der durch die Ludendorff-Spende zusammengebrachten Gelder aufgestellt worden. Sie flossen nicht, wie das bei anderen Sammlungen üblich war, in einen Zentralfonds, um von da aus wieder über das deutsche Reich verteilt zu werden, sondern sie blieben von vornherein in dem Landesteil, in dem sie gesammelt worden waren. Jeder Spender hatte also die Gewißheit, daß seine Gaben denjenigen Kriegsbeschädigten zugute kamen, die ihm am nächsten standen. Nur ein Bruchteil der gesammelten Gelder, nämlich 15 %, wurde an die Zentralstelle abgeführt und bildete einen Ausgleichfonds für diejenigen Landesteile, in denen infolge ärmerer oder weniger zahlreicher Bevölkerung das Ergebnis hinter anderen Landesteilen zurückblieb.

Die Aufgaben, die mit den gesammelten Mitteln zu lösen waren, umfaßten in Ergänzung der staatlichen Fürsorge die Fortsetzung der Heilbehandlung, die Berufsausbildung, die Arbeitsbeschaffung und vor allem aber in gewissen Fällen die Gewährung von Bargeldunterstützungen. Die Notwendigkeit hierzu hatte sich auf Grund der bisherigen Kriegserfahrungen herausgestellt. Es galt, dem Kriegsbeschädigten mit seinen Angehörigen über die Zeit hinwegzuhelfen, in der er für seinen Beruf wieder tauglich gemacht wurde; es galt ferner, ihm Arbeitsgerät und Arbeitskleidung zu verschaffen, falls er sich einem neuen Berufe zuwenden wollte; weiter galt es, dem einen oder anderen das Kapital vorzustrecken, mit dessen Hilfe er sich selbständig machen konnte. In zahllosen Fällen hing die Wiederaufrichtung des Berufes des Kriegsbeschädigten davon ab, daß ihm eine gewisse Geldsumme zur Verfügung gestellt werden konnte.

Gerade diese segensreiche und notwendige Art der Unterstützung erforderte bekanntlich außerordentlich große Mittel.

Lobberichs Opferfreudigkeit bewährte sich bei der Ludendorff-Spende wieder einmal hervorragend.

Die Haus- und Büchsensammlung ergab

4200.-

Mark
Es zeichneten weiter größere Beträge:
Fräulein Luzie Niedieck

2000,--

"

Herr Geheimer Kommerzienrat van der Upwich

5000,--

"

Herr Anton van der Upwich

5000,--

"

Herr Carl van der Upwich

1000,--

"

Herr Carl Niedieck

4000,--

"

Herr Josef Krey

500,--

"

Ungenannt

500,--

"

An kleineren Beiträgen gingen ein

177,20

"

-----------------------------------------
zusammen: 22377,20 Mark

Die Sammeltätigkeit für die Ludendorff-Spende im Kreise Kempen hatte ein erfreuliches Ergebnis und zeigte aufs Neue den Opfersinn der Kreiseingesessenen.

Bis 1. August 1918 waren im Kreise eingegangen 222 660,91 Mark, wovon, wie bereits erwähnt, die Gemeinde Lobberich 22 377,20 Mark aufgebracht hat.

Im November 1917 wurde in Lobberich eine Ortsgruppe der Kriegsbeschädigten unter dem Vorsitze des Herrn Bousardt gegründet.

In der Monatsversammlung der Kriegsbeschädigten im Monat Juni 1918 gab der Vorsitzende bekannt, daß folgende Stiftungen eingegangen seien:

Herr Geheimer Kommerzienrat van der Upwich 1000,-- Mark
Herr Anton van der Upwich 1000,--

"

Ungenannt 1000,--

"

Sehr erfreuliche Nachrichten konnte der Vorsitzende in der Monatsversammlung im September 1918 von den weiter eingegangenen Stiftungen des Herrn Carl Niedieck im Betrage von 1000,- Mark und des Herrn Rentners Josef Walters in Breyell von 1000,- Mark geben. Die Zahl der angemeldeten Ehrenmitglieder betrug 87. Die eingegangenen Ehrenmitgliedsbeiträge beliefen sich auf 500 Mark. In derselben Sitzung nahm die Versammlung Kenntnis von dem errichteten Reserve-Unterstützungsfonds im Betrag von 4 150,- Mark, der jedoch nicht vor Kriegsende in Anspruch genommen werden sollte. Die Ortsvereinigung verfügte bereits kurz nach ihrer Gründung über ein Kapital von 5 000 Mark an Stiftungsgeldern, die aus allen Teilen der Bürgerschaft gespendet waren.

Hieraus ist zu ersehen, daß der Ortsvereinigung volles Verständnis entgegengebracht wurde. Die Gelder dienten nur für die Unterstützung einheimischer Kriegsbeschädigter.


Fürsorge für die Kriegsblinden.

Das Auftreten der ersten Kriegserblindungen stellte Aerzteund Behörden vor eine neue Aufgabe. Man war zu unbekannt mit den Erfordernissen und den Leistungsmöglichkeiten eines Kriegsblinden, um ihn aufzurichten und ihm behülflich zu sein in der Wahl eines neuen Berufes. Die Blindenanstalten waren nicht vorbereitet genug, um sich den abweichenden Verhältnissen der Kriegsblinden erfolgreich anzupassen. Trotz besten Willens auf beiden Seiten verließen sie nicht selten entmutigt, verbittert und halb ausgebildet die Anstalt, um der allgemeinen Verflachung und der Vereinsamung anheim zu fallen. Die Not der Kriegsblinden in seelischer und wirtschaftlicher Beziehung vertiefte sich naturgemäß durch die lange Kriegsdauer, die Zermürbung und Vernichtung vieler Hilfskräfte und besonders in der Nachkriegszeit durch die fortschreitende Entwertung ihrer Versorgungsgebührnisse. Da galt es, für die schwer getroffenen Vaterlandsverteidiger neue Wege zu suchen. Es galt, die Haupterfordernisse der Kriegsblindenfrage klarzustellen und möglichst zu erfüllen. Dabei ergaben sich drei Hauptforderungen:

1. Ausreichende Versorgung,

2. nachgehende Arbeits- und Gesundheitsfürsorge und

3. fördernde seelische Beeinflussung.

Die erste Aufgabe, eine genügende geldliche Versorgung, konnte natürlich in der allgemeinen Notzeit auch nicht annähernd gelöst werden. Die verschiedensten Versuche seitens der Regierung und der Behörden wurden von der Inflation verschlungen wie Wassertropfen vom glühenden Stein. Erst als es gelang, die Kriegsblindenbezüge der Beamtenbesoldung anzugleichen, konnte man der schlimmsten Not Herr werden. Dankbar muß anerkannt werden, daß auch gerade in den letzten Jahren manche Vergünstigungen von einem fortschreitenden Verständnis für die Sonderbedürfnisse der Kriegsblinden zeugen.

Ebenso wichtig für das Wohlergehen der Kriegsblinden als die Rente war eine geordnete und angemessene Fürsorge. Ursprünglich wurde sie nach einheitlichen Grundsätzen vom Reich selbst ausgeführt. Durch die Reichsfürsorgeverordnung vom 13. Februar 1924 wurde diese Fürsorgepflicht den Ländern und Gemeinden übertragen. Da war es bei der starken Belastung und der verschiedenen Einstellung dieser Behörden nur zu natürlich, daß Klagen über uneinheitliche, oft unzulängliche Fürsorge laut wurden. Das Gebiet der Arbeitsfürsorge, das dem Kriegsblinden eine befriedigende Tätigkeit verschaffen sollte, war ebenso schwierig als bedeutungsvoll. Berufstätige Kriegsblinde sind im Durchschnitt viel heiterer, sind leichter zu behandeln und zu befriedigen als die, die arbeitslos, grübelnd und verbittert ein nutzloses Dasein ertragen müssen. Wo daher in einer Gemeinde eine berufliche Unterbringung wegen persönlicher oderörtlicher Verhältnisse nicht möglich war, bemühten sich die Kreisfürsorgestellen erfolgreich, die Kriegsblinden in den alten Blindenhandwerken ausbilden zu lassen und durch Beschaffung von Material und Aufträgen zu unterstützen. Die Beamten der Fürsorgestellen waren so rührig, daß selbst in der Zeit der schlimmsten Arbeitslosigkeit kaum ein arbeitswilliger und fähiger Kriegsblinder dauernd beschäftigungslos war.

Es sei dann ferner auf die wichtige fürsorgerische Maßnahme hingewiesen, die die Eigenheimbeschaffung für die Kriegsblinden, Beratung und Hilfsbereitschaft auch für die Familie in besonderen Not- und Krankheitsfällen, Hilfe in Erziehungs- und Ausbildungsfragen der Kinder zu Lebzeiten und nach dem Tode des Kriegsblinden sich zum Ziele setzte.

Die seelische Beeinflussung erblindeter Krieger suchten Gemeinde und Staat zu fördern durch Veranstaltung von mancherlei Vergnügen und ganz besonders durch Schaffung eines Bundes deutscher Kriegsblinden, in dem sich an 3000 deutsche Kriegsblinde kameradschaftlich vereinigten, die sich dann wieder in Ortsgruppen verteilten. In diesem Bunde leistete und leistet noch andauernd die selbstlose und wirkungsvolle Mithilfe geeigneter kriegsblinder Kameraden der Fürsorgearbeit der Behörden durch Betreuung ihrer Leidensgenossen eine überaus wichtige Unterstützung. In wie manchen Fällen wollte es nur ihnen gelingen, verzagte, arbeitsunlustige oder verbitterte Leidensgefährten günstig zu beeinflussen, verständnislose Außenstehende zu überzeugen, Zweifelsfragen zu lösen, kurz, das materielle und ideelle Wohl ihrer Kameraden zu fördern.

Auch die Schaffung von Erholungsheimen ist ein wichtiger Faktor der seelischen Beeinflussung der Kriegsblinden. Zurzeit stehen den deutschen Kriegsblinden drei Bundesheime offen: Swinemünde (Ostsee), Braunlage (Harz) und Salzhausen (Oberhessen). Dazu kommt noch dasnicht nur den bayrischen, sondern allen deutschen Kriegsblinden zugängliche Kriegsblindenerholungsheim Bayerns: Söckingen am Starnberger See. In diesen vier Heimen findet der Kriegsblinde gegen einen geringen Verpflegungssatz, der Rest wird anderweitig aufgebracht, reichliche, kräftige Kost, wohltuende Ruhe und Pflege, Abwechselung und erheiternde, fördernde Geselligkeit. Eine solche regelmäßige und gesicherte Erholungsmöglichkeit bringt Abwechselung, Erheiterung und Aufklärung in das graue Dasein unserer Kriegsblinden und beeinflußt ihre seelische Verfassung auf das Günstigste.

Die Gemeinde Lobberich beteiligte sich nach bestem Können an der Unterstützung erblindeter Krieger. Sie hat selbst nur einen erblindeten Krieger, den Anstreichermeister Josef Körfers. Ihm hat die Gemeinde ein gutes Durchkommen verschafft, ihm eine gute Ausbildung seiner Kinder ermöglicht und für deren Unterbringung gesorgt.

Der Aufruf in "Rhein und Maas" im Juni 1915 zur Sammlung von Spenden für erblindete Krieger hatte einen schönen Erfolg.

Es stifteten:

Sammelstelle Rhein und Maas 755,-- Mark
Herr Geheimrat van der Upwich 300,--

"

Herr Anton van der Upwich 200,--

"

Herr Carl van der Upwich 100,--

"

Angestellte der Firma de Ball & Co. Nachfolger 143,--

"

Arbeiterinnen, Tagelöhner und Handwerker derselben Firma 148,--

"

nochmals Sammelstelle Rhein und Maas 1035,--

"

----------------------------
zusammen 2681,--

Mark

Der Betrag wurde an das Bankhaus Bleichröder Berlin eingesandt.

Nachdem die Radioerfindung sich Geltung verschafft hatte, erhielten die Kriegsblinden, u.a. auch der hier ansässige Kriegsblinde J. Körfers, durch Vermittelung der Reichsversorgungsstelle kostenlos einen Radioapparat.


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