1000 Jahre Lobberich

Geschichte und ihre Geschichten -
ein Leseheft für Schulen und Familien


Weihnachtsmorgen 1358

Ritter Gerhard kehrte von der Mitternachtsmette heim. Am neuerbauten fünfgeschossigen Eckturm vorbei lenkte sein Kutscher Geurdt die beiden Braunen in den Burghof Während Gerhard dem Zweispänner langsam entstieg, wandte er sich an seinen Knecht: "Nicht so knauserig mit dem Hafer heute, es ist Christtag, da sollen es die Beiden auch gut haben! " Dann stieg er die knarrende Treppe im Wohn teil der Hauptburg (Palas) hinauf Doch eigenartig, anders als sonst schleppte er seine müden Glieder treppaufwärts. Dieses Gefühl hatte er eine Stunde zuvor am Ende der Mette ebenfalls empfunden.

Im Rittersaal warteten seine Frau Afix und die 2 erwachsenen Söhne Hermann und Winand mit ihren Schwestern Aleid und Diana auf ihn.

Dann trat Hermann, der Älteste der Söhne, einige Schritte vor und begrüßte seinen Vater mit dem Gruß" Friede sei mit Dir, Vater! " Als Gerhard das Friedenswort hörte, gingen seine Gedanken zurück in die Kirche, wo der Pastor der Gemeinde die Botschaft der Engel verkündet hatte: "Friede den Menschen, die guten Willens sind! "Als sie sich zu Tisch gesetzt hatten, nahm er den Gedanken wieder auf.- "Ihr wißt, daß wir immer dem Herzog von Geldern treu ergeben waren, und es gereichte uns nicht zum Schaden, daß wir erst in den letzten Jahren die Landwehr zum Schutz gegen Eindringlinge aus dem Kölnischen haben auswerfen lassen.

Es war auch Herzog Rainalds Wunsch, unseren Hof zur Burg auszubauen, um von hier aus die Grenze hinter der Karisstraße besser überwachen zu können. Diese Aufgabe der Grenzverteidigung wollen wir auch in Zukunft gewissenhaft ausführen.

"Dann ließ sich Gerhard eine große Karte auf den Tisch legen, auf der in Form einer Handzeichnung eine rechteckige Burganlage mit Vor- und Hauptburg eingezeichnet war. "so soll sie einmal aussehen, die ganze Anlage. Da bleibt noch viel Arbeit, meine Söhne! Hier der noch fehlende Rundturm. Dann müssen, sobald offenes Wetter da ist, die alten Ställe und Wirtschaftsräume abgerissen werden, damit die Hoffläche so groß wird, daß wir in der Not nicht nur unsere Nachbarn, sondern auch die Leute aus dem Dorf gegen feindliche Angriffe hier schützen können. Die Schanzen am Dyck und im Sassenfeld reichen nicht aus. Das geht nicht ohne viel Hand- und Spanndienste unserer Leute.

Dann müssen unsere Güter Broich (später Brockerhof) und Ingenhoven gesichert werden.

Er hielt inne- Es war, als hätte er sich verausgabt. Nach einer Pause fuhr er dann, Wort für Wort betonend, fort: "Das alles ist notwendig, um den Frieden in und um Lubbruch zu sichern. Wir müssen unsere Hausmacht erweitern zu unserem Vorteil, aber vor allem auch zur Sicherheit der Lubbrucher. Da nun diese Aufgabe die Kräfte eines einzelnen überfordert, ist der Tag gekommen, an dem ich meinen letzten Willen festlege, und der sieht so aus:

Hermann erhält die Lehnsgüter Ingenhoven und Broich, Winand die Burg mit dem Hof im Bocholt."


Die Hauptburg, wie sie Goeurdt Heutmecher 1646 von Nordosten her sah.
Sie verfiel nach 1750. Vor- und Hauptburg ersetzten ein älteres Gebäude, das 1096 zurn ersten Mal genannt wurde.

Gerhard schwieg, dann sprach Alix beschwichtigend auf ihren Mann ein: "Das liegt ja noch in weiterZukunft. Ich hoffe, daß du dich in diesen Tagen etwas erholst. Es war zuviel im letzten Jahr." "Mag sein" nahm Gerhard seinen Gedanken wieder auf "aber ich verlange von Euch, Hermann und Winand, daß ihr mir für euch und eure Nachkommen in die Hand versprecht, daß die Bocholter und die von ingenhoven und Broich immer mit einer Stimme sprechen werden. Nur so werden wir zu Herren Lubbruchs, und nur so können die Menschen in Frieden leben. "

Dann erhoben sich die Söhne und gaben ihrem Vater das geforderte Versprechen, wobei Gerhard sie nachsprechen ließ. "ich ... verspreche bei meiner Ehre als Ritter und rufe als Zeugen den Heiligen Sebastian, den Schutzpatron unserer Kirche an, daß ich und meine Nachkommen... "

Nach der Zeremonie legte Gerhard noch die Aufgaben fest, die beide Brüder gegenüber ihrer Mutter und den beiden Schwestern zu übernehmen hatten.

Dann sprach er: "ich werde den Pfarrer und Patron in Knechtsteden bitten, daß alle von Bocholtz in der Kirche eine Ruhestatt finden. Dafür werden wir eine Stiftung einrichten.

Denkt an unser und euer Seelenheil und schützt die Kirche des heiligen Sebastian.

(Bild)

Landwehr im Bocholt, etwa 200 m östlich der Burg. Ein Stück dieses alten Grenzgrabens sieht man auch, von Lobberich die Süchtelner Landstraße befahrend, rechts in Höhe der Abfahrt zum Niederbocholt.

Gut ein halbes Jahr nach jenem denkwürdigen Weihnachtsfest, im Juli 1359, starb Gerhard. Er wurde wunschgemäß in der Kirche bestattet. Seinem Beispiel folgten bis 1685 nachweisbar 18 derer von Bocholtz. Eine Grabplatte in blauem Granit betritt man heute noch beim Turmeingang, das Wappen mit den 3 Leopardenköpfen ist gut in einer Ecke erkennbar.

Nicht alle Familienmitglieder fanden an dieser Stelle die letzte Ruhe, so wurde das Grab des Johann von Besell, genannt Reyde, und seiner Frau Katharina von Bocholtz vor dem Antoniusaltar angelegt, für den sie um 1480 "auf ewige Zeiten" eine Meßstiflung machten, die ausdrücklich festlegte, daß donnerstags, freitags und samstags ein eigens für diesen Altar angestellter Vikar diese Messe zu lesen habe.

Wir besitzen im Archiv der Rfarre St. Sebastian weitere Zeugnisse über Stiftungen der Ritter von Bocholtz, durch die nicht nur Messen gestiftet, sondern auch Geld für die Armen ausgesetzt wurde. Mehrmals wurde die 1471 zuerst genannte Jabianus-, Antonius-, Sebastianus-Bruderschaft" als Hüterin des Stiftskapitals erwähnt. Dazu muß man wissen, daß man glaubte, durch großzügige Spenden an die Armen und häufige Meßopfer Gottes Urteil beeinflussen zu können.

Hier soll noch eine Stiftung genanntwerden, die das Gesagte verdeutlicht: Um 1530 setzten Eduart von Bocholtz und seine Frau Maria Geld aus, damit jährlich am 1. Tag nach der Kirchweihkirmes 13 Priester der Umgebung von Lobberich je eine Messe in Lobberich zu ihrem Seelengedenken feierten. Dafür sollten sie dann bewirtet werden. Die Armen sollte man bei der Gelegenheit mit " Duch und Schoen" (Tuch und Schuhen) bedenken.

Die Armenpflege lag wie überall auch in Lobberich in den Händen der Kirche.

Ritter Gerhard hatte seinen Söhnen anbefohlen, die Burg als befestigtes Grenzwerk fertigzustellen. Das geschah auch bis zum

Ende des 15. Jahrhunderts. Es waren dann auch gute Dienste der -Geschworenen, Schöffen und Untertanen des Kirchspiels Lobberich ", die Herzog Karl Egmond am 12. September 1505 bewogen, dem Ort 2 Märkte (Viehmärkte) zu gestatten. In der Urkunde wird folgender Grund angegeben: "to Dienst der reparation des Dorffs mackinge der stein-strate-" (9)

Auch Ritter Gerhards Herzensanliegen ging in Erfüllung: Die beiden Familien der von Bocholtz vermehrten ihre Herrenrechte in Lobberich über soviel Land, daß sie zu solchem Wohlstand kamen, am 27. November 1673 die "Herrlichkeit Lobberich" von König Karl 11 von Spanien als Herzog von Geldern kaufen zu können. Sie ernannten danach den Schultheiß, die Schöffen und Geschworenen und in ihrem Namen wurde Recht gesprochen. (10)

Aus den Familien sind im 16. und 17. Jahrhundert auch hohe geistliche Würdenträger hervorgegangen, so Äbte in Mönchengladbach und Corvey (Abt und Reichtsfürst) und Domherren in Lüttich. Mehrere weibliche Mitglieder wurden Äbtissinnen.

9) Wegen der Arbeiten im Dorf durch Reparatur der Steinstraße.

10) Schöffen, Geschworene und Schultheiß:

Ihnen oblagen Aufgaben der örtlichen Gerichtsbarkeit. Sie sind Vorläufer der heutigen Verwaltung. Der Schultheiß war vom Amtmann in Krickenbeck ernannt. Ihm zur Seite standen 7 Schöffen und die gleiche Zahl Geschworene. Die 4 Honschaften stellten, so weit man zurückverfolgen kann, je einen der 7 Schöffen.


Weiter: Spuren

Übersicht: 1000 Jahre Loberich

Geschichte(n) - auch aus anderen Quellen.


Gästebuch

home

Kontakt

virtuelle Postkarten


Impressum - Datenschutzerklärung